Author Archives: Patrik

Buch – Speisende soll man nicht aufhalten

Cover_MittelWas ist Dibbelabbes? Was verbirgt sich hinter Teichelmauke? Welche Zutaten gehören in Frankfurter Grüne Soße? Während er Indisches Curry im Schlaf zubereiten kann, ist die Küche Deutschlands für Patrik Stäbler ein Buch mit sieben Siegeln. Deshalb macht er sich per Anhalter auf, um in allen 16 Bundesländern traditionelle Gerichte zu finden. Von ihnen und den interessanten Menschen, denen er begegnet, erzählt er in diesem kulinarischen Reiseführer durch unsere Heimat.

Mehr zu dem Buch steht auf der Webseite des Rowohlt-Verlags.

Mehr zu der Reise gibt’s auf der zugehörigen Webseite (Archive).

Newsletter – Schmausepost

schmausepost_lese_250x170Die Schmau­s­epost ist eine wöchent­li­che Presse- und Blog­schau zum Thema Essen. Jeden Frei­tag­nach­mit­tag – pünkt­lich vor dem Wochen­ende – geht der kostenlose Newsletter an rund 1.100 Abonnenten und versorgt sie mit Nach­rich­ten aus der kuli­na­ri­schen Welt, lesens­werten Bei­träge, Neu­ig­kei­ten aus der Food­blogosphäre und ausgewählten Rezepten.

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Artikel – Revolution aus dem Gewächshaus

Das Kartoffelkombinat ist die größte Solidarische Landwirtschaft in Deutschland. 600 Haushalte in München gehören der Genossenschaft an und bekommen Woche für Woche frisches Gemüse geliefert. Doch das Kartoffelkombinat will weit mehr sein als nur eine Ökokiste. Ein Besuch bei den Gemüse-Genossen.

Von Patrik Stäbler

München – Der Weg zur Keimzelle der Revolution führt durchs Dachauer Hinterland. Über sanfte Hügel und geschwungene Straßen geht es vorbei an Hofläden, prächtigen Maibäumen, dazu Felder, Felder und nochmals Felder, bis man schließlich das 900-Seelen-Nest Schönbrunn erreicht. Hier, im Kräuterweg 1 – welch passender Name – haben die Revolutionäre ihre Heimstatt. In der Gärtnerei des Franziskuswerks haben sie sich eingepachtet, wie bereits das Banner an der Hofeinfahrt verrät. Darauf der Name: Kartoffelkombinat.

kartoffelkombinatDrinnen stehen Simon Scholl und Daniel Überall zwischen Acker und Gewächshaus. Die beiden sind Gründer und Geschäftsführer des Kartoffelkombinats. Oder, wie man’s nimmt, die Ober-Revolutionäre. Wobei die Mittdreißiger trotz ihrer Mehrtagesbärte wenig von einem Ché Guevara haben, sondern in ihren lässigen Outfits eher in ein hippes Schwabinger Café passen würden. Allein ihr Vokabular klingt durchaus Umstürzlerisch: Eine „neue Versorgungsstruktur für München“ wolle man mit dem Kartoffelkombinat schaffen, sagt Simon Scholl. „Und idealerweise kann das irgendwann als Blaupause diene für andere Ballungsräume in der Welt.“

Saisonal, regional, ökologisch angebaut

Wobei derlei ambitionierte Ziele in den Anfangstagen der Revolution noch fern sind. Denn sie beginnt – wie jede echte Revolution – im Kleinen, und zwar bei einem Spaziergang durch München, 2012 ist das. Simon Scholl und Daniel Überall kennen sich erst seit einigen Wochen, doch die beiden eint ein Ärgernis – und ein Plan: „Wir waren unzufrieden mit dem bestehenden System der Lebensmittelproduktion“, sagt Scholl. „Also wollten wir ein neues Projekt auf die Beine stellen.“ Nur was? Beim Spazierengehen kommt ihnen eine Idee: Wie wäre es mit einer Solidarischen Landwirtschaft in München? Heißt konkret: Bauer und Verbraucher bilden eine Versorgungsgemeinschaft. Während der Landwirt eine feste Abnahme- und Preisgarantie hat, bekommen seine Partner einen regelmäßigen Ernteanteil an Gemüse und Obst – saisonal, regional, ökologisch angebaut.

Die beiden Gründer taufen ihr Projekt auf den Namen Kartoffelkombinat – „die Kartoffel, weil es uns um Ernährung geht, und das Kombinat, um den Gemeinschaftsgedanken hervorzuheben“, erklärt Simon Scholl. Denn als Geschäftsmodell wählen sie eine Genossenschaft: Neben den 68 Euro pro Monat für die wöchentliche Gemüsekiste kauft sich jedes Mitglied mit einmalig 150 Euro ins Kartoffelkombinat ein. Dafür darf es fortan mitbestimmen: was angebaut wird, welche Investitionen getätigt werden, und sogar wer der Genossenschaft vorsteht. „Wir haben befristete Verträge“, betont Simon Scholl. „Wenn die Mehrheit entscheidet, dass sie uns nicht mehr will, dann sind wir raus aus unserem eigenen Projekt.“

21.000 Mails in zwei Jahren

Anfangs besteht das Kartoffelkombinat nur aus wenigen Mitgliedern – Familie, Freunde, Bekannte. Doch schon bald nach der Gründung 2012 schnellt die Zahl rasant nach oben. „Die Nachfrage war so groß, dass wir gar nicht alle Interessenten aufnehmen konnten“, sagt Simon Scholl. Stand jetzt zählt das Kartoffelkombinat fast 600 Mitglieder; noch mal 1000 Interessenten stehen auf der Warteliste.

Binnen nicht mal drei Jahren sind die Münchner zur größten von rund 70 Solidarischen Landwirtschaften in Deutschland aufgestiegen. Das Erfolgsrezept? „Solche Projekte gehen normalerweise entweder vom Bauern oder von einer Gruppe Verbrauchern aus“, weiß Scholl. „Wir hingegen haben uns dazwischen gestellt und bringen unser Knowhow ein.“ Und damit meint er nicht etwa säen, jäten und ernten. Sondern: „Wir haben der Sache eine Marke, einen Namen und einen Spirit gegeben“, sagt Simon Scholl, einst Unternehmensberater und Marketingexperte. „Wir haben organisiert und kommuniziert. Allein in den ersten zwei Jahren habe ich 21.000 Mails geschrieben.“

Das Ziel: eine eigene Gärtnerei

Zudem, das sagt Scholl ganz offen, habe ihre Idee den Zeitgeist getroffen. „In München gibt es viele junge, urbane Familien, die eine Sehnsucht nach natürlichen Lebensmitteln haben.“ Sie wollen weg von der Packerlsuppe, weg von der Flugananas, weg vom Discounter. Stattdessen gibt’s Steckrübeneintopf, und die Zucchini kauft man direkt beim Bauern.

Wobei das Kartoffelkombinat viel mehr sein will als „nur“ eine Gemüsekiste. So können die Genossen selbst nach Schönbrunn kommen und mit anpacken – beim Anpflanzen, Unkraut jäten und Kisten packen. Zudem veranstaltet das Kartoffelkombinat Vorträge und Feste; es gibt ein wöchentliches Flugblatt – den Kartoffeldruck – und ein eigenes Internet-Forum zum Austausch.

Und das soll längst nicht alles bleiben. Das große Ziel des Kartoffelkombinats ist ein eigener Hof, eine eigene Gärtnerei. „Wir wollen uns unabhängig von Industriestrukturen machen und ganz alleine bestimmen, was und wie angebaut wird“, erklärt Scholl. Zudem gebe es bereits Pläne für eine Genossenschafts-Bäckerei. Und mittelfristig können sich die Macher auch einen eigenen Laden oder ein eigenes Lokal vorstellen. „Alles unter dem Dach des Kartoffelkombinats“, betont Simon Scholl. Die Revolution hat also gerade erst begonnen.

(Der Artikel ist 2015 im Donaukurier erschienen.)

Hier geht’s zur Webseite des Kartoffelkombinats.

KARTOFFELKOMBINAT (4.5k UHD Master 2014) from FIELD OF VIEW . FILM on Vimeo.

Buch – „LU – 29 Blicke auf eine Stadt“

lu29-641x1024„LU“ steht für Lud­wigs­ha­fen – jener Stadt am Rhein, die in der BASF den welt­größ­ten Che­mie­kon­zern behei­ma­tet, und… und… ja, was eigent­lich noch?

Die­ser Frage nähert sich der Sam­mel­band „LU – 29 Bli­cke auf eine Stadt“. Darin stel­len 29 Auto­ren, Künst­ler, Jour­na­lis­ten, Blog­ger, Archi­tek­ten und Phi­lo­so­phen ihre Sicht auf Lud­wigs­ha­fen dar – mal in Bil­dern, mal poe­tisch, mal his­to­risch, mal als Kurz­ge­schichte, mal als Glosse, mal sport­lich, mal spot­tend, mal als Rei­sen­der, und mal als Speisender.

Letz­te­res hat Patrik Stäbler über­nom­men: In dem Kapi­tel „Von Bier­aka­de­mie bis BASF-Kantine“ berichtet er von sei­nem kuli­na­ri­schen Streif­zug durch Ludwigshafen.

Mehr zu dem Buch steht auf der Webseite des Verlags Das Wunderhorn.

Artikel – Der Mann mit den tausend Gesichtern

Phil Splash hat ein großes Ziel: Der Künstler will sämtliche 1,5 Millionen Münchner zeichnen. Mehr als 20.000 Menschen hat er bereits in seinen Skizzenblöcken verewigt.

Von Patrik Stäbler

München – Wie ein Flummi hüpft der Blick von Phil Splash auf und ab. Von seinem Skizzenblock hoch zum Gegenüber und wieder runter zum dicken Filzstift in seiner rechten Hand – der genauso rosa ist wie der knallpinke Anzug des Künstlers. Im Eiltempo rauscht der Stift übers Papier, hinterlässt hier einen rosafarbenen Strich, dort eine Handvoll Tupfer und voilà, fertig ist das Porträt, in weniger als einer halben Minute.

phil1„Na, was findest du’s?“, fragt Phil Splash den jungen Mann mit Hut, den er vor wenigen Augenblicken hier am Rotkreuzplatz in München aufs Geratewohl angesprochen hat. Der Mann blickt erst auf das Porträt, dann auf den Künstler und schließlich wieder aufs Bild – jetzt sind es seine Augen, die im Flummi-Modus hin- und herhüpfen. „Das ist richtig gut!“, sagt er, offenbar beeindruckt. „Das sieht ja wirklich aus wie ich.“

300 Skizzenblöcke sind voll

Es komme oft vor, dass sich die Menschen in seinen Porträts wiedererkennen, wird Phil Splash später erzählen, der mit bürgerlichem Namen Philipp Mulfinger heißt. „Aber manchmal ist auch genau das Gegenteil der Fall. Schließlich sieht das Bild, das wir von uns selbst haben, oft ganz anders aus als Bild, das unsere Mitmenschen von uns haben. Und so ein Porträt ist ja immer auch eine subjektive Sache.“

phil2Phil Splash muss es wissen. Schließlich hat der Münchner Künstler in den vergangenen Jahren weit mehr als 20.000 Porträts gezeichnet. An die 300 Skizzenblöcke voll mit Gesichtern stehen bei ihm zu Hause im Regal – eine Sammlung von alten Männern, kleinen Kindern, jungen Frauen und feschen Burschen. „Ich habe immer gerne gezeichnet, schon in der Schule“, erzählt der 31-Jährige. Um 2010 habe er angefangen, auf dem Weg zur Arbeit Menschen in der U-Bahn zu porträtieren. „Ich habe einmal durch den Wagen geschaut, und wenn mein Blick an einem bestimmten Gesicht hängen geblieben ist, habe ich drauflos gezeichnet“, erzählt er. Seine Porträt-Opfer habe er kaum mal um Erlaubnis gefragt; die meisten hätten ohnehin nichts mitbekommen, sagt Phil Splash. Und wenn doch jemand bemerkte, dass er gerade gezeichnet wird? „Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich. Viele fühlen sich erst mal unwohl, finden es aber auf eine skurrile Art interessant.“

„Rechnerisch wäre es möglich“

Vor gut einem Jahr hat Phil Splash dann beschlossen, aus seinen zigtausend Porträts ein Kunstprojekt zu machen – und sich ein hohes Ziel zu setzen: „Ich will alle 1,5 Millionen Menschen in München zeichnen“, sagt er. „Ich weiß, dass das eine große Herausforderung ist. Aber rechnerisch wäre es möglich.“ Bei Phil Splash klingt das so: „Wenn ich 80 Porträts am Tag zeichne, dann bin ich im Alter von 80 Jahren fertig. Wenn ich 140 pro Tag schaffe, dann schon mit 60 Jahren.“

phil3140 Porträts – das ist die Ausbeute, die Phil Splash bei seinem jüngsten Event am Münchner Stachus erzielt hat. Inzwischen zeichnet er immer seltener in der U-Bahn und dafür häufiger bei Veranstaltungen. Dazu hat er angefangen, die Porträtierten mit ihrem Bild zu fotografieren. Die Aufnahmen stellt er auf seine Webseite ins Netz, um seine Arbeit zu dokumentieren.

Merkel bleibt auf Distanz

Aber mal ehrlich: Jeden einzelnen Münchner zeichnen – ist das nicht utopisch? „Natürlich muss ich da noch eine Vorgehensweise entwickeln“, räumt Phil Splash ein. „Aber mir macht das Zeichnen von Gesichtern immer noch unglaublich viel Spaß. Ich bin fast süchtig danach.“ Und so lässt er sich auch von kleinen Rückschlägen nicht abschrecken – etwa, als er vor zwei Jahren ein überdimensionales Porträt von Angela Merkel anfertigte. Das Bild wollte er der Kanzlerin bei ihrem Besuch in München zeigen und sich von ihr signieren lassen. Doch der Künstler kam noch nicht mal in die Nähe von Angela Merkel. „Die Männer vom BKA haben mich nicht durchgelassen“, erzählt Phil Splash lachend. „Die haben gesagt, dass ich mit meinem Bild eine Sicherheitsgefahr darstellen würde.“

Mehr Informationen über das Zeichen-Projekt „1,5 Millionen Münchner“ stehen auf der Webseite von Phil Splash.

(Dieser Artikel ist 2015 im Donaukurier erschienen)

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Porträt in 15 Sekunden: Patrik Stäbler mit dem Künstler Phil Splash.

Artikel – Der Superradler

Herbert Schwarzer arbeitet im Gewerbegebiet im Garchinger Ortsteil Hochbrück. Dorthin pendelt der 56-Jährige jeden Tag. Aus Augsburg. Mit dem Fahrrad. Bei Wind und Wetter. Mit seinem Velomobil kommt er im Schnitt auf 25.000 Kilometer im Jahr.

Von Patrik Stäbler

Garching – Dunkelheit liegt über Augsburg, der Stundenzeiger der Uhr nähert sich der 4 – es ist jene Zeit, nicht mehr richtig Nacht, noch nicht richtig Morgen, in der selbst die quirligsten Ecken einer Stadt zur Ruhe kommen. Auch auf der B300 ist kaum was los; die Straße führt östlich von Augsburg nach Friedberg, in vier Stunden werden sich hier die Autos aneinanderreihen.

Jetzt aber schimmert der Asphalt noch friedlich und unbefahren im Mondlicht – bis in der Dunkelheit plötzlich ein Gefährt heranbraust. Es hat die Form einer Rakete, ist leise wie ein Fahrrad, aber schnell wie ein Auto. Mit einem sanften Sssssst saust die rollenden Rakete vorbei; erst auf den zweiten Blick wird klar, dass darin jemand sitzt. Jemand mit langen Haaren, die im Fahrtwind flattern.

9.12.2015, Garching-Hochbrück: Herbert Schwarzer (56) fährt jeden Tag mit seinem Liegefahrrad in die Arbeit nach Garching - 73 Kilometer einfache Strecke. (Foto: Patrik Stäbler)

Augsburg-Hochbrück in 78 Minuten

Die graue Mähne gehört zu Herbert Schwarzer. Der 56-Jährige ist auf dem Weg zur Arbeit ins Gewerbegebiet von Garching-Hochbrück. Gute 70 Kilometer liegen zu dem Zeitpunkt noch vor ihm – deshalb ist er heute um 3.30 Uhr aufgestanden, so wie jeden Morgen. Denn Schwarzer fährt die Strecke Augsburg-Garching nicht mit dem Auto, sondern mit dem Rad. Genauer gesagt: mit seinem Velomobil – ein verkleidetes Liegefahrrad mit drei Rädern, 26 Kilo schwer, das er allein mit seiner Muskelkraft antreibt. Und wie!

Gibt man bei Google die Strecke von Augsburg nach Hochbrück ein, so spuckt der Rad-Routenplaner eine Fahrtzeit von dreieinhalb Stunden aus. Herbert Schwarzer hingegen braucht mit seinem Velomobil nur rund eineinhalb Stunden – einmal hat er es sogar in 78 Minuten geschafft. Wobei die Fahrt von und nach Augsburg noch die kürzere seiner beiden Pendel-Strecken ist: Nächtigt er bei seiner Lebensgefährtin in Kösching bei Ingolstadt, sind’s 83 Kilometer einfache Strecke – „dann klingelt der Wecker schon um 3 Uhr“, sagt Schwarzer.

9.12.2015, Garching-Hochbrück: Herbert Schwarzer (56) fährt jeden Tag mit seinem Liegefahrrad in die Arbeit nach Garching - 73 Kilometer einfache Strecke. (Foto: Patrik Stäbler)

Ein Velomobil für 6000 Euro

Warum sich jemand so was antut? „Weil’s mich fit hält. Und weil’s Spaß macht.“ Und weil er mitunter ebenso lange im Auto saß, wenn mal wieder Stau war – auf der B471 oder an der Bahnschranke in Oberschleißheim, damals, als es die Eschenrieder Spange noch nicht gab. „Das war verlorene Zeit, und das hat mich aufgeregt“, erinnert sich Schwarzer. Also setzt er sich 2003 erstmals auf sein Rennrad und fährt in gut zwei Stunden zur Arbeit. „Damals war das Wetter wochenlang schön“, erzählt Schwarzer. „Für mich ein genialer Einstieg.“ Anfangs nimmt er montags und freitags noch das Auto, um Kleider und Schuhe von A nach B zu bringen. Doch nach und nach baut er sich an seinem Arbeitsplatz einen „zweiten Mini-Hausstand“ auf, wie er das nennt – vom Sakko bis zur Zahnbürste.

Bald schon steigt Schwarzer jeden Tag aufs Rad – und will davon auch nicht ablassen, als es langsam Winter wird. Also kauft er sich ein Velomobil, speziell auf ihn angepasst, für fast 6000 Euro. Nun kann er bei Wind und Wetter pendeln, hat etwas Stauraum für seinen Rucksack und ist obendrein schneller als mit dem Rennrad. Auf freier Strecke kommt sein Velomobil auf Geschwindigkeiten um die 60 Stundenkilometer; bergab kann’s sogar noch schneller werden. Innerorts ist Schwarzer schon öfters geblitzt worden – ein Strafzettel kam aber noch nie. Denn: „Im Gegensatz zu den Tempo-Schildern gilt die Beschränkung im Ort nur für Kraftfahrzeuge“, weiß Schwarzer – also nicht für ihn.

Rekord: 500 Kilometer am Tag

9.12.2015, Garching-Hochbrück: Herbert Schwarzer (56) fährt jeden Tag mit seinem Liegefahrrad in die Arbeit nach Garching - 73 Kilometer einfache Strecke. (Foto: Patrik Stäbler)

Mit seinem Velomobil meidet er Radwege, weil die oft zu schmal sind. Stattdessen ist der Augsburger meist auf Bundesstraßen unterwegs und kommt dort nur selten mit Autos ins Gehege. „Zur Hauptverkehrszeit könnte ich natürlich nicht fahren“, sagt Herbert Schwarzer. „Aber sonst lassen einen die meisten Autofahrer in Ruhe, wenn man schneller als Vierzig fährt.“

Und wie schaut’s mit Muskelkater aus? Da schüttelt Schwarzer nur leise den Kopf. „An die Belastung gewöhnt man sich relativ schnell.“ Ohnehin hat der Rad-Enthusiast schon ganz andere Distanzen zurückgelegt, etwa, wenn er zu Velomobiltreffen in ganz Deutschland reist. 300 Kilometer pro Tag sind da keine Seltenheit; sein Rekord liege gar bei 500 Kilometern, erzählt Herbert Schwarzer. „Danach habe ich aber erst mal einen Tag Pause gebraucht.“

(Der Artikel ist 2015 im Münchner Merkur erschienen.)

Artikel – Im Guerilla-Restaurant

Sebastian Hoffmann kocht für wildfremde Menschen – doch nicht im Restaurant. Stattdessen lädt der Münchner zufällig ausgewählte Gäste zu seinen „Supper Clubs“ ein. Ein Besuch im Guerilla-Restaurant.

Von Patrik Stäbler

München – Zack, zack, zack. Im Akkord saust das Messer aufs Schneidebrett und zerteilt die Hähnchenbrust, die verführerisch duftet. Die einzelnen Fleischscheiben lupft Sebastian Hoffmann behände auf einen Spinatberg, obendrauf streut er Chutneywürfel, daneben kommen geröstete Quittenspalten. Wie am Fließband drapiert der 34-Jährige dasselbe Gericht auf drei Tellern, die seine Frau im nächsten Moment abräumt. Und schon geht’s mit drei neuen Tellern von vorne los – schließlich warten draußen zwölf hungrige Gäste.

supperclub06Die Szene erinnert an ein schickes Restaurant – nur dass Hoffmann in einer winzigen Küche steht, kaum größer als eine Besenkammer. Es könnte auch ein Abendessen mit guten Freunden sein – nur dass Hoffmann bis vor zwei Stunden keinen seiner Gäste gekannt hat; und sie sich untereinander auch nicht. Dabei sitzt das hungrige Dutzend bei ihm im Wohnzimmer, trinkt Wein, futtert sich durch vier exquisite Gänge und plaudert angeregt – „so wie’s sein soll“, sagt der Gastgeber.

„Supper Club“ nennt sich die Veranstaltung – ein Trend, der einst auf Kuba entstanden ist und inzwischen auch in Deutschland populärer wird (siehe Kasten). Die Idee: Ambitionierte (Hobby-)Köche laden Fremde zum Essen ein und kochen für sie aufwändige Menüs. „Ich habe davon in der Zeitung gelesen“, erzählt Sebastian Hoffmann, gebürtiger Chemnitzer, groß und schlank, im Gesicht ein Sechstagebart und fast immer ein Grinsen. „Mir war sofort klar: Das machst du auch!“

Ein Samstagabend in München. Die vergangenen Male hat Hoffmann in fremden Wohnungen gekocht; diesmal aber lädt er zu sich nach Hause ein. Es klingelt an der Tür, nach und nach betreten die Gäste das Wohnzimmer. Sie sind eher jung, eher weiblich, eher gut situiert – und arg nervös. Hier etwas mühsamer Small Talk, dort ein schüchternes Nippen am Aperitif. Erst, als alle sitzen, ergreift Hoffmann das Wort.

supperclub03Der gelernte Koch hat lange in der Spitzengastronomie gearbeitet – „bis ich irgendwann von 16-Stunden-Tagen genug hatte“. Inzwischen ist er bei einem Caterer gelandet, was bedeutet: geregelte Arbeitszeiten – aber Abstriche bei der Qualität. „Im Supper Club koche ich so, wie ich es will, und mache keine Kompromisse“, erzählt er den Gästen. „Ich will wissen, wo die Lebensmittel herkommen, und ich will Qualität. Das kannst du in der Gastronomie gar nicht machen, weil das niemand bezahlen würde. Doch hier soll Geld keine Rolle spielen.“

So lautet eine von zwei Regeln: Nach dem Essen steckt jeder Gast so viele Euro in ein leeres Marmeladenglas, wie ihm der Abend Wert war. Im Gegensatz zu anderen Supper Clubs nennt Hoffmann keinen festen Preis – auch, um rechtliche Fallstricke zu umgehen. Denn Guerilla-Restaurants wie seines sind nicht behördlich genehmigt und bewegen sich daher in einer juristischen Grauzone.

Die zweite Regel lautet: Jeder bringt eine Flasche Wein mit. Der Rest wird dem Zufall überlassen – genauso wie die Auswahl der Gäste. Hunderte Bewerber melden jeden Monat auf seiner Webseite, sagt Hoffmann, der sich im Internet „Gourmandpunk“ nennt – ein Fingerzeig, dass er seinen Supper Club auch als „Protest gegen die Gastro-Szene“ verstanden haben will.

supperclub05Doch zurück ins Hoffmann’sche Wohnzimmer, wo sich die Stimmung nach dem ersten Gang – Kabeljau auf Steckrüben und Birnen – gelockert hat. Quer über den Tisch wird diskutiert, erzählt, gelacht und getrunken. Nur kurz kehrt Ruhe ein, wenn Jana Hoffman ein neues Gericht auftischt: erst eine Suppe aus zweierlei Kürbissen, dann die Hähnchenbrust und schließlich ein Beeren-Tiramisu mit Rosenwasser.

Nach dem Dessert mischen sich Jana und Sebastian Hoffmann unter die Gäste, die trotz vorgerückter Stunde nicht ans Aufbrechen denken. „Wir sitzen oft bis weit nach Mitternacht zusammen“, sagt Sebastian Hoffmann. „Es ist unglaublich spannend, was da für Lebensgeschichten auf den Tisch kommen.“ Als Konkurrenz zu klassischen Restaurants sieht er sich übrigens nicht – „eher als Denkanstoß“. Vielleicht komme der eine oder andere ja ins Grübeln, warum solche Supper Clubs so beliebt sind, sagt Hoffmann. „Ich bin nämlich überzeugt, dass in der Gastro-Szene einiges falsch läuft.“

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Das sind Supper Clubs

Der Ursprung von Supper Clubs (oder: Underground Restaurants) soll im sozialistischen Kuba liegen. Dort kochen Familien seit Jahrzehnten für ausländische Besucher, die fernab von Touri-Lokalen die wahre Landesküche kennenlernen wollen. In US-Großstädten, London oder Paris gibt es mittlerweile hunderte solcher privaten Guerilla-Restaurants, die mehr oder weniger exquisit, mehr oder weniger geheim und mehr oder weniger legal sind.

supperclub1Laut Stiftung Warentest lag die Zahl der Supper Clubs in Deutschland vor einem Jahr bei etwa 60, gut die Hälfte davon in Berlin. Die meisten Anbieter bekochen ihre Gäste zu Hause; einige wählen aber auch ungewöhnliche Orte wie Kellergewölbe, alte Fabrikhallen oder unter freiem Himmel. Offiziell laden die Betreiber gute Freunde zum Essen ein, weshalb sie kein Gewerbe anmelden, keine Steuern zahlen und auch sonst keine Auflagen beachten müssen.

Im Raum München gibt es außer den Abenden des Gourmandpunks Sebastian Hoffman () nur wenige regelmäßige Supper Clubs. Am bekanntesten sind noch Kirsten Sar und Sabine Pohlmann vom „Secret Supperclub“. Die beiden Hobby-Köchinnen aus Inning am Ammersee kochen bereits seit fünf Jahren im Untergrund.

(Dieser Artikel ist 2015 im Donaukurier erschienen)