Artikel – Der Mann mit den tausend Gesichtern

Phil Splash hat ein großes Ziel: Der Künstler will sämtliche 1,5 Millionen Münchner zeichnen. Mehr als 20.000 Menschen hat er bereits in seinen Skizzenblöcken verewigt.

Von Patrik Stäbler

München – Wie ein Flummi hüpft der Blick von Phil Splash auf und ab. Von seinem Skizzenblock hoch zum Gegenüber und wieder runter zum dicken Filzstift in seiner rechten Hand – der genauso rosa ist wie der knallpinke Anzug des Künstlers. Im Eiltempo rauscht der Stift übers Papier, hinterlässt hier einen rosafarbenen Strich, dort eine Handvoll Tupfer und voilà, fertig ist das Porträt, in weniger als einer halben Minute.

phil1„Na, was findest du’s?“, fragt Phil Splash den jungen Mann mit Hut, den er vor wenigen Augenblicken hier am Rotkreuzplatz in München aufs Geratewohl angesprochen hat. Der Mann blickt erst auf das Porträt, dann auf den Künstler und schließlich wieder aufs Bild – jetzt sind es seine Augen, die im Flummi-Modus hin- und herhüpfen. „Das ist richtig gut!“, sagt er, offenbar beeindruckt. „Das sieht ja wirklich aus wie ich.“

300 Skizzenblöcke sind voll

Es komme oft vor, dass sich die Menschen in seinen Porträts wiedererkennen, wird Phil Splash später erzählen, der mit bürgerlichem Namen Philipp Mulfinger heißt. „Aber manchmal ist auch genau das Gegenteil der Fall. Schließlich sieht das Bild, das wir von uns selbst haben, oft ganz anders aus als Bild, das unsere Mitmenschen von uns haben. Und so ein Porträt ist ja immer auch eine subjektive Sache.“

phil2Phil Splash muss es wissen. Schließlich hat der Münchner Künstler in den vergangenen Jahren weit mehr als 20.000 Porträts gezeichnet. An die 300 Skizzenblöcke voll mit Gesichtern stehen bei ihm zu Hause im Regal – eine Sammlung von alten Männern, kleinen Kindern, jungen Frauen und feschen Burschen. „Ich habe immer gerne gezeichnet, schon in der Schule“, erzählt der 31-Jährige. Um 2010 habe er angefangen, auf dem Weg zur Arbeit Menschen in der U-Bahn zu porträtieren. „Ich habe einmal durch den Wagen geschaut, und wenn mein Blick an einem bestimmten Gesicht hängen geblieben ist, habe ich drauflos gezeichnet“, erzählt er. Seine Porträt-Opfer habe er kaum mal um Erlaubnis gefragt; die meisten hätten ohnehin nichts mitbekommen, sagt Phil Splash. Und wenn doch jemand bemerkte, dass er gerade gezeichnet wird? „Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich. Viele fühlen sich erst mal unwohl, finden es aber auf eine skurrile Art interessant.“

„Rechnerisch wäre es möglich“

Vor gut einem Jahr hat Phil Splash dann beschlossen, aus seinen zigtausend Porträts ein Kunstprojekt zu machen – und sich ein hohes Ziel zu setzen: „Ich will alle 1,5 Millionen Menschen in München zeichnen“, sagt er. „Ich weiß, dass das eine große Herausforderung ist. Aber rechnerisch wäre es möglich.“ Bei Phil Splash klingt das so: „Wenn ich 80 Porträts am Tag zeichne, dann bin ich im Alter von 80 Jahren fertig. Wenn ich 140 pro Tag schaffe, dann schon mit 60 Jahren.“

phil3140 Porträts – das ist die Ausbeute, die Phil Splash bei seinem jüngsten Event am Münchner Stachus erzielt hat. Inzwischen zeichnet er immer seltener in der U-Bahn und dafür häufiger bei Veranstaltungen. Dazu hat er angefangen, die Porträtierten mit ihrem Bild zu fotografieren. Die Aufnahmen stellt er auf seine Webseite ins Netz, um seine Arbeit zu dokumentieren.

Merkel bleibt auf Distanz

Aber mal ehrlich: Jeden einzelnen Münchner zeichnen – ist das nicht utopisch? „Natürlich muss ich da noch eine Vorgehensweise entwickeln“, räumt Phil Splash ein. „Aber mir macht das Zeichnen von Gesichtern immer noch unglaublich viel Spaß. Ich bin fast süchtig danach.“ Und so lässt er sich auch von kleinen Rückschlägen nicht abschrecken – etwa, als er vor zwei Jahren ein überdimensionales Porträt von Angela Merkel anfertigte. Das Bild wollte er der Kanzlerin bei ihrem Besuch in München zeigen und sich von ihr signieren lassen. Doch der Künstler kam noch nicht mal in die Nähe von Angela Merkel. „Die Männer vom BKA haben mich nicht durchgelassen“, erzählt Phil Splash lachend. „Die haben gesagt, dass ich mit meinem Bild eine Sicherheitsgefahr darstellen würde.“

Mehr Informationen über das Zeichen-Projekt „1,5 Millionen Münchner“ stehen auf der Webseite von Phil Splash.

(Dieser Artikel ist 2015 im Donaukurier erschienen)

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Porträt in 15 Sekunden: Patrik Stäbler mit dem Künstler Phil Splash.

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