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091010_Bei_Marathon„Mit dem richtigen Training schafft jeder gesunde Mensch einen Marathon.“ Das sagt der Laufexperte Matthias Marquardt. Doch wie fühlen sich 42.195 Meter ohne jegliche Vorbereitung an? Unser Autor Patrik Stäbler hat beim „Marathon im Dreiländereck“ den Selbstversuch gewagt.

Von Patrik Stäbler

Mitten in der Hölle beugt sich ein kleines, blondes Mädchen über das silberne Absperrgitter und winkt mir lachend zu. Mein Kopf sagt: Erwidere den Gruß; mein Körper scheitert kläglich bei dem Versuch. Wie in Zeitlupe zieht das Mädchen in meinem Augenwinkel vorbei und verschwindet. Nun bin ich wieder allein. Allein in der Hölle.

Müde wandert mein Blick zurück auf den Asphalt zu meinen Füßen. Rechts. Links. Rechts. Links. Immer weiter. Nur nicht stehen bleiben. 33 Kilometer liegen bereits hinter mir beim „Marathon im Dreiländereck“ von Lindau über St. Margarethen nach Bregenz – immerhin mehr als drei Mal so viele, wie ich je zuvor am Stück gelaufen bin. Das Problem: Das Ziel ist noch einmal neun Kilometer entfernt – und seit etwa einer halben Stunde sendet mein Körper immer lauter werdende Hilfeschreie aus. Mein Herz hämmert im Rhythmus eines Spechts bei der Balz, an meinen Füßen bilden sich bereits Blasen auf den Blasen, und meine Knie fühlen sich bei jedem Schritt an, als würde jemand mit einer heißen Nadel den Meniskus suchen. Kurzum, ich habe Schmerzen, bin zermürbt, ausgelaugt, erledigt. Und bis zum Ziel ist es noch eine kleine Ewigkeit.

Empfehlung: Mindestens ein Jahr Vorbereitung

Szenenwechsel: Zwei Wochen zuvor am Telefon. „Meiner Meinung nach kann jeder gesunde Mensch einen Marathon schaffen“, setzt Dr. Matthias Marquardt an – und wird unterbrochen von einem erleichterten Seufzer meinerseits. Der Mann ist Sportmediziner und Lauftrainer, er muss es wissen. Schnell will ich mich für seine Einschätzung bedanken und auflegen, doch Marquardt kommt mir zuvor und fährt fort: „Die Voraussetzung ist natürlich das richtige Training. Ich empfehle eine Vorbereitung von mindestens einem Jahr.“ Das sitzt! Leise murmele ich ein Dankeschön, lege auf und starre entgeistert vor mich hin. Ein Jahr Vorbereitung? Mein Marathon ist in zwei Wochen und ich habe die Laufschuhe bisher noch nicht einmal ausgepackt!

Es dauert einige Tage, ehe meine Zuversicht zurückkehrt. Immerhin war der Verzicht auf jegliche Vorbereitung doch mein eigener Wunsch. Marathon ohne Training: Geht das? Diese Frage habe ich mir schon so oft gestellt; nun will ich sie im Selbstversuch beantworten. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin kein übergewichtiger Stubenhocker, der Sport nur aus dem Fernseher kennt. Zwei bis drei Mal im Monat spiele ich mit Freunden Fußball oder Basketball. Im Sommer gehe ich wandern, im Winter zum Skifahren. Und wenn Bekannte nach meiner Fitness fragen, erwähne ich gerne, dass ich „ab und an“ jogge. Was ich verschweige: „Ab und an“ ist in dem Fall etwa so regelmäßig wie Wahlerfolge der SPD.

Erste Wehwehchen melden sich

Am Start in Lindau lösen sich meine letzten Zweifel in Luft auf. Um mich herum wuseln Tausende strahlende Hobby-Läufer aller Altersklassen. Da gibt es weißhaarige Rentner, Mittfünfziger mit erkennbarem Bauchansatz und Frauen, denen – vorsichtig geschätzt – der 100. Geburtstag näher ist als ihre Volljährigkeit. Beschwingt trabe ich langsam mit der Menschenmasse los. Hinter Lindau schlage ich ein flotteres Tempo an, die Tafeln mit den zurückgelegten Kilometern tauchen im gefühlten Minutentakt am Streckenrand auf. 3,4,5,6, durch Lochau, 7,8,9, schon bin ich in Bregenz. Weiter geht es durch die Innenstadt nach Hard und noch bei Kilometer 17 platze ich fast vor Euphorie. Marathon? Ein Kinderspiel! In Gedanken plane ich bereits Größeres: vielleicht einen Triathlon oder gleich den legendären Spartathlon in Griechenland über 246 Kilometer?

In diese Überlegungen versunken, übersehe ich kurz vor Fußach glatt das Schild für Kilometer 21. Aber halt: Da vorne steht es ja. Hat der letzte Kilometer tatsächlich so lange gedauert? Aus der dunklen Vorahnung wird bald Gewissheit: Mit jedem zurückgelegten Kilometer kommt mir die Strecke zwischen den Schildern länger vor – statt im Minuten- tauchen die Anzeigen nunmehr im gefühlten Halbstundentakt auf. Parallel dazu melden sich erste Wehwehchen. Bei Kilometer 24 in Höchst macht sich eine Blase am Zeh bemerkbar, bei 26 zwicken die Waden, bei 28 brennen die Knie und nach 30 Kilometern am Wendepunkt der Strecke in St. Margarethen sendet schließlich mein ganzer Körper ein einziges Signal aus: stehen bleiben!

Mutti zieht vorbei

Inmitten der Schmerzen erinnere ich mich an die Antwort von Matthias Marquardt, auf meine Frage, welches der härteste Part beim Marathon sei: „Das Gerede, dass man bei Kilometer 35 gegen eine Wand laufe, halte ich für Unsinn. Die meisten Läufer schaffen die ersten 20 Kilometer relativ locker. Doch danach sind die Speicher leer und es wird zäh wie Kaugummi. Jeder Schritt tut dann ein bisschen mehr weh.“

Gerne würde ich an dieser Stelle von einer wundersamen Erholung schreiben, von souverän zurückgelegten letzten Kilometern oder wenigstens einem Gefühl der Glückseligkeit im Ziel. Doch das wäre gelogen. Die Wahrheit ist: Die kleine Ewigkeit nach dem winkenden Mädchen zeigt mir auf schmerzhafte Weise meine körperlichen Grenzen auf. Im Schneckentempo quäle ich mich Kilometer um Kilometer weiter, während Frauen im Alter meiner Mutter an mir vorbeiziehen. Als ich nach vier Stunden und 36 schier endlosen Minuten mit letzter Kraft die Ziellinie im Bregenzer Casino-Stadion überquere, habe ich nur einen Gedanken: Nie wieder laufen!

Zufriedenheit? Stolz? Gar Glück? Fehlanzeige! Erst am Tag nach dem Lauf stellt sich langsam das gute Gefühl ein, einen Marathon geschafft zu haben – auch wenn ich nicht vergesse, dass mich diese

42 195 Meter Demut gelehrt haben. Außerdem nehme ich zwei Erkenntnisse mit. Erstens, dass es eine Form von Muskelkater gibt, die einen zwingt, Treppen rückwärts hinabzusteigen. Und zweitens: Den nächsten Marathon werde ich nur nach ausreichender Vorbereitung laufen – und mit Sicherheit erst im Rentenalter.

(Dieser Artikel ist 2010 in der Schwäbischen Zeitung erschienen.)

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