Artikel – Im Guerilla-Restaurant

Sebastian Hoffmann kocht für wildfremde Menschen – doch nicht im Restaurant. Stattdessen lädt der Münchner zufällig ausgewählte Gäste zu seinen „Supper Clubs“ ein. Ein Besuch im Guerilla-Restaurant.

Von Patrik Stäbler

München – Zack, zack, zack. Im Akkord saust das Messer aufs Schneidebrett und zerteilt die Hähnchenbrust, die verführerisch duftet. Die einzelnen Fleischscheiben lupft Sebastian Hoffmann behände auf einen Spinatberg, obendrauf streut er Chutneywürfel, daneben kommen geröstete Quittenspalten. Wie am Fließband drapiert der 34-Jährige dasselbe Gericht auf drei Tellern, die seine Frau im nächsten Moment abräumt. Und schon geht’s mit drei neuen Tellern von vorne los – schließlich warten draußen zwölf hungrige Gäste.

supperclub06Die Szene erinnert an ein schickes Restaurant – nur dass Hoffmann in einer winzigen Küche steht, kaum größer als eine Besenkammer. Es könnte auch ein Abendessen mit guten Freunden sein – nur dass Hoffmann bis vor zwei Stunden keinen seiner Gäste gekannt hat; und sie sich untereinander auch nicht. Dabei sitzt das hungrige Dutzend bei ihm im Wohnzimmer, trinkt Wein, futtert sich durch vier exquisite Gänge und plaudert angeregt – „so wie’s sein soll“, sagt der Gastgeber.

„Supper Club“ nennt sich die Veranstaltung – ein Trend, der einst auf Kuba entstanden ist und inzwischen auch in Deutschland populärer wird (siehe Kasten). Die Idee: Ambitionierte (Hobby-)Köche laden Fremde zum Essen ein und kochen für sie aufwändige Menüs. „Ich habe davon in der Zeitung gelesen“, erzählt Sebastian Hoffmann, gebürtiger Chemnitzer, groß und schlank, im Gesicht ein Sechstagebart und fast immer ein Grinsen. „Mir war sofort klar: Das machst du auch!“

Ein Samstagabend in München. Die vergangenen Male hat Hoffmann in fremden Wohnungen gekocht; diesmal aber lädt er zu sich nach Hause ein. Es klingelt an der Tür, nach und nach betreten die Gäste das Wohnzimmer. Sie sind eher jung, eher weiblich, eher gut situiert – und arg nervös. Hier etwas mühsamer Small Talk, dort ein schüchternes Nippen am Aperitif. Erst, als alle sitzen, ergreift Hoffmann das Wort.

supperclub03Der gelernte Koch hat lange in der Spitzengastronomie gearbeitet – „bis ich irgendwann von 16-Stunden-Tagen genug hatte“. Inzwischen ist er bei einem Caterer gelandet, was bedeutet: geregelte Arbeitszeiten – aber Abstriche bei der Qualität. „Im Supper Club koche ich so, wie ich es will, und mache keine Kompromisse“, erzählt er den Gästen. „Ich will wissen, wo die Lebensmittel herkommen, und ich will Qualität. Das kannst du in der Gastronomie gar nicht machen, weil das niemand bezahlen würde. Doch hier soll Geld keine Rolle spielen.“

So lautet eine von zwei Regeln: Nach dem Essen steckt jeder Gast so viele Euro in ein leeres Marmeladenglas, wie ihm der Abend Wert war. Im Gegensatz zu anderen Supper Clubs nennt Hoffmann keinen festen Preis – auch, um rechtliche Fallstricke zu umgehen. Denn Guerilla-Restaurants wie seines sind nicht behördlich genehmigt und bewegen sich daher in einer juristischen Grauzone.

Die zweite Regel lautet: Jeder bringt eine Flasche Wein mit. Der Rest wird dem Zufall überlassen – genauso wie die Auswahl der Gäste. Hunderte Bewerber melden jeden Monat auf seiner Webseite, sagt Hoffmann, der sich im Internet „Gourmandpunk“ nennt – ein Fingerzeig, dass er seinen Supper Club auch als „Protest gegen die Gastro-Szene“ verstanden haben will.

supperclub05Doch zurück ins Hoffmann’sche Wohnzimmer, wo sich die Stimmung nach dem ersten Gang – Kabeljau auf Steckrüben und Birnen – gelockert hat. Quer über den Tisch wird diskutiert, erzählt, gelacht und getrunken. Nur kurz kehrt Ruhe ein, wenn Jana Hoffman ein neues Gericht auftischt: erst eine Suppe aus zweierlei Kürbissen, dann die Hähnchenbrust und schließlich ein Beeren-Tiramisu mit Rosenwasser.

Nach dem Dessert mischen sich Jana und Sebastian Hoffmann unter die Gäste, die trotz vorgerückter Stunde nicht ans Aufbrechen denken. „Wir sitzen oft bis weit nach Mitternacht zusammen“, sagt Sebastian Hoffmann. „Es ist unglaublich spannend, was da für Lebensgeschichten auf den Tisch kommen.“ Als Konkurrenz zu klassischen Restaurants sieht er sich übrigens nicht – „eher als Denkanstoß“. Vielleicht komme der eine oder andere ja ins Grübeln, warum solche Supper Clubs so beliebt sind, sagt Hoffmann. „Ich bin nämlich überzeugt, dass in der Gastro-Szene einiges falsch läuft.“

.

Das sind Supper Clubs

Der Ursprung von Supper Clubs (oder: Underground Restaurants) soll im sozialistischen Kuba liegen. Dort kochen Familien seit Jahrzehnten für ausländische Besucher, die fernab von Touri-Lokalen die wahre Landesküche kennenlernen wollen. In US-Großstädten, London oder Paris gibt es mittlerweile hunderte solcher privaten Guerilla-Restaurants, die mehr oder weniger exquisit, mehr oder weniger geheim und mehr oder weniger legal sind.

supperclub1Laut Stiftung Warentest lag die Zahl der Supper Clubs in Deutschland vor einem Jahr bei etwa 60, gut die Hälfte davon in Berlin. Die meisten Anbieter bekochen ihre Gäste zu Hause; einige wählen aber auch ungewöhnliche Orte wie Kellergewölbe, alte Fabrikhallen oder unter freiem Himmel. Offiziell laden die Betreiber gute Freunde zum Essen ein, weshalb sie kein Gewerbe anmelden, keine Steuern zahlen und auch sonst keine Auflagen beachten müssen.

Im Raum München gibt es außer den Abenden des Gourmandpunks Sebastian Hoffman () nur wenige regelmäßige Supper Clubs. Am bekanntesten sind noch Kirsten Sar und Sabine Pohlmann vom „Secret Supperclub“. Die beiden Hobby-Köchinnen aus Inning am Ammersee kochen bereits seit fünf Jahren im Untergrund.

(Dieser Artikel ist 2015 im Donaukurier erschienen)

Schreibe einen Kommentar